Teil 3: Quarantäne-Mähne Superspreader

Teil 3: Quarantäne-Mähne Superspreader

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von Daniel Görbing

Ich hab‘ es gestern Abend getan.
Die gute Nachricht ist: Es tat nicht weh. Ich hätte die Flasche Whiskey vorweg nicht gebraucht. Scherz! Ich war stocknüchtern, habe alles sauber vorbereitet, sogar zur Vorbereitung nochmal das Video geschaut.

Mit etwas erhöhtem Puls (laut meines Fitness-Trackers) habe ich mich für 1 Stunde ins Badezimmer eingeschlossen und an die Arbeit gemacht.
Der glänzende Hightech-Mäher hatte mit meinen dünnen Flusen nicht wirklich zu kämpfen. Ich glaube er wurde zu höherem bestimmt. Aber geht es uns nicht allen so? Ich schweife ab.
Zumindest mühte ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten ziemlich mit dem Ding ab und fand, dass wir am Ende doch kein ganz so schlechtes Team abgaben.

Nach etwa 45 Minuten kam meine Frau rein und fragte ob ich noch lebe. Ich persönlich hielt das für einen Vorwand. Dennoch wirkte sie irgendwie erleichtert als sie mich anschaute. Und sie gab zu, vom Ergebnis tatsächlich positiv überrascht zu sein.
Ganz ehrlich, auch ich finde, dass ich schon verunstalteter vom Friseur zurückkam. Natürlich, wenn man genauer hinschaut fallen einem schon ein paar Stellen auf, die man eleganter hätte lösen können – aber in Zeiten von 2m Sicherheitsabstand…
Daniel 1: Quarantäne-Mähne 0. Kein schöner Sieg, aber ein verdienter. Die Anspannung fiel langsam ab.

Am nächsten morgen fühlte ich mich irgendwie erlöst. Eine Welle des Glücks durchflutete mich. Ich hatte es geschafft. Eine hässliche Raupe, die frisch dem Kokon entschlüpft war. Ich war bereit für die Öffentlichkeit und verspürte den Drang irgendwo hinzugehen, wo mich viele Leute sehen können. Ich gehörte nun einem neuen eingeschworenen Verein an und wollte es all diesen langhaarigen, ungepflegten Zottelköpfen zeigen! Die fragenden Gesichter sehen: Wie ist das möglich, wie hat er das nur gemacht, wo doch alle Friseure noch dicht sind?

Favoriten (Wien) - OBI Baumarkt.JPG
Von Bwag - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Aber wohin sollte ich gehen, wo doch alles zu ist? Wo finde ich meine neuen Fans? Apotheke, Blumengeschäft, Supermarkt. Zu klein! Wenn dann schon über 800m²!
Ich ging in den Baumarkt. Mind. 1200m² groß. Außerdem braucht man da immer was. Gerade jetzt. Legte mir in Gedanken schon ein paar Sätze zurecht, falls jemand mich auf meinen neuen Look anspricht. „Na klar, selbst geschnitten. Wer Setzrisse zuspachtelt, einen Excenterschleifer wie ein Profi bedient, wird doch wohl noch sein Deckhaar selbst schneiden können.“ Usw.
Niemand beachtete mich. Sogar ein Sack Blumenerde schien interessanter zu sein, als mein neues Ich.

Na gut. Dann fahre ich eben zur Arbeit und lasse mich von meinen geschätzten Kolleginnen feiern. Ganz vorsichtig setzte ich den Fahrradhelm auf. Natürlich ohne Mütze! Bloß nicht mein Kunstwerk zerstören. Das Fahrgefühl war ein völlig anderes. Der kühle Wind umspielte mein 17,5mm langes Seitenhaar. Zu den Ohren hin, dann sogar auf 12mm gestutzt.

Ich betrete den Kulturtreff, desinfiziere meine Hände und freue mich auf die Standing Ovations. Aber jetzt bloß nicht abheben. Understatement ist mein Ding. Lieber auf diese zwei winzigen Stellen am Hinterkopf hinweisen, die noch nicht ganz perfekt sind.
Ich gehe grüßend an den Kolleginnen vorbei. Sie schauen kurz hoch und … wieder weg. Niemand sagt: „Wer ist denn dieser gutaussehende, frisch gestylte neue Kollege!“. Nicht einmal ein unbeholfenes: „Hast du irgendwas mit deinen Haaren gemacht?“ Nichts. Hallo! 12mm überm Ohr. Da sieht man schon fast die Kopfhaut durch. Das ist gewagt, das muss euch doch auffallen!

Ich halte es nicht mehr aus und weise auf meine neue Frisur hin.
„Joh, ist ganz gut geworden, echt. Aber ich muss dann mal weiterarbeiten.“ “Man sieht ja kaum was. Hinten vielleicht…”
Bitte was? Und ich gebe mir hier Mühe, bin aufmerksam und weise auf jeden neuen Nagellack hin, den die Kolleginnen aufgetragen haben. Scheint fast so, als wäre das für niemanden (außer mir) eine große Sache. Und dafür 100€ rausgehauen. Hatte ich mir irgendwie mehr von versprochen.

Aber ich würde es trotzdem wieder machen, muss sich ja rentieren die Anschaffung. Vielleicht das nächste Mal 10 mm über den Ohren oder besser 11. Nicht übermütig werden. Immerhin war das Schneiden an sich gar nicht so kompliziert.

Ich gehe nochmal ins Netz. Der mittelpreisige und dennoch gute Preis-/Leistungssieger ist wieder verfügbar.
Lieferzeit 1-2 Tage.

Shit.