Poldis Abenteuerwelt oder „Menschen entdecken den Wald neu“

Poldis Abenteuerwelt oder „Menschen entdecken den Wald neu“

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Wie herrlich waren doch Spaziergänge nach getaner Arbeit. Okay, Frauchen arbeitete und ich döste derweil unterm Schreibtisch. Ich konnte es kaum erwarten, wenn sie nach 3 Mal anstupsen meinerseits endlich den PC ausmachte. Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, drehte ich mich noch ein paar Mal um mich selbst und verschwand gekonnt und elegant Richtung Tür. Gewusst wie! Raus in die Natur ins abgelegene Feld vorbei an Pferdekoppeln und kleinen Seen. Hinein in den Misburger Wald und schön die Seele baumeln lassen bei der naturfrischen Ruhe. Hundezeitung lesen, an ´ner Blume schnüffeln, für meine Hundekumpels hier und da ´ne Duftmarke hinterlassen. Herrlich! Doch was war das? Zu meinem Lieblingsplatz am See flitzend, saßen plötzlich Leute mit Kindern da. Und dahinter kamen schon die nächsten mit einem Leidensgenossen an der Leine. Plötzlich war es vorbei mit der Ruhe. Aus allen Ecken und Büschen krochen menschliche Lebewesen hervor. Egal in welche Richtung man abbog, überall kamen sie einem entgegen, bunt gekleidet in Casual Wear oder gar Outdoor-Bekleidung. Und dann hatten alle Menschen plötzlich einen Maulkorb im Gesicht. Dieses Mal schienen sie es echt ernst zu meinen mit der Fastenzeit. So kann man doch gar nicht vernünftig Leckerlis mampfen. Und die Körpersprache konnte man auch nicht richtig deuten. War der nett? Oder nicht? Hm, lieber mal ein Vorsichts-Wuff im Vorbeigehen von sich geben. Ganz leise.

Große Menschen standen mit ihren kleinen Kindern am Kanal. Genau dort wo meine Badestelle ist und ich normalerweise so schön die Enten beobachten kann, ließen sie irgendwas Weißes mit Tuch ins Wasser gleiten. Und ich durfte nicht mal hinterher, um zu gucken, ob es schmeckt. Manche wurden plötzlich wieder zu Affen und kletterten mit ihren Kindern auf Bäume. Einige spielten Fuchs und bauten Höhlen im Wald und kamen mit Drahteseln durchs Walddickicht. Es war soooo viel los und ständig musste ich Fuß laufen, weil uns jemand entgegenkam. Selbst die abgelegensten Pfade, die wir mittlerweile aufsuchten, um in Ruhe schnüffeln und laufen zu können, wurden von Familien belagert. Picknickdecken lagen auf unserer großen Auslaufwiese, wo ich sonst frei und vergnügt dem Stöckchen hinterherjagte, genüsslich darauf rum kaute und keine Menschenseele weit und breit zu sehen war.  Frauchen sagte, die Geschäfte haben zu und sogar die Spielplätze. Und jetzt müssen die Menschenkinder sich woanders austoben. Okay. Aber muss das unbedingt auf unseren geliebten Gassirouten sein? Das ist mein Wald, mein Spielort. Ich will hier Mäuschen suchen und Fuchs spielen. Grrr. Wuff.  Und wie bitte habt ihr euch vorher alle beschäftigt? Hättet ihr mich mal gleich gefragt. Ich weiß schon lange, wie schön es sich hier spielen lässt. Der Wald wurde ja schließlich nicht erst letzte Woche wegen Corona angepflanzt?!

Mittlerweile bekomme ich lustige Kommentare von 10 vorbeifahrenden Radfahrern pro Minute. Anstatt sich lustige Katzenvideos auf YouTube anzuschauen, kommentieren sie jetzt die Poldi-Reality-Nature-Show: „Oh der ist ja süß!“ Na danke. Ich bin nicht süß, ich bin ein vollwertiger gestandener Cockerspaniel-Mix im Senioralter mit einer dicken Mähne. Beim Balance-Akt über den nächsten Baumstamm erntete ich spontan 10 Likes. Von meinen gekonnten Moves ganz zu schweigen. „Das ist ja lustig, wie er die Maulwurfshügel umbuddelt, schau mal!“ Lustig? Das ist harte Arbeit innerhalb von 5 Minuten 10 dieser Erdhuckel nach kleinen Bewohnern zu checken und die Chance liegt bei 1:50, dass man eine von diesen kleinen fiepigen Dingern erwischt. Und dann schickt mich Frauchen immer zum Baden ins Wasser. Ich sei so dreckig. Pah. Das ist Heldenstaub. Hart erkämpft. Dazu kamen kleine kläffende Fußhupen, die ihre Menschlinge begleiteten und sonst wahrscheinlich nur in der Stadt zum Kaffeetrinken rauskamen. Sie hatten immer noch ihr rosa Höschen an. Widerlich. Und auch manch größerer vierbeiniger Tollpatsch hatte keine Ahnung, wie man über ´nen Baumstumpf springt oder nach Mäuschen buddelt. Alles musste man denen zeigen. Und das Social Distancing galt anscheinend nur für Menschen. Unerzogene, an der Leine ziehende Hunde rannten ungefragt auf mich zu und steckten ihre Nase an meinen Hintern. Da hab` ich gleich mal die tiefsten Knurrtöne ausgepackt, dass die ganze Leine vibrierte. Frauchen meinte, ich solle mich beruhigen. Wie bitte? Beruhigen? Das ist mein Wald, mein Revier, meine Abenteuerwelt! Ich bin der Spielexperte für draußen im Wald und auf der Wiese. Ich bin Poldi Dundee.