Der alternative Corona- „Party“-Guide (Ü40)

Der alternative Corona- „Party“-Guide (Ü40)

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Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber der „Party“-Druck ist selbst für die Ü40er-Generation in letzter Zeit ganz schön gestiegen. Alles macht irgendwie auf, alle machen sich irgendwie lockerer. Die Munschis rutschen von ihrem Bestimmungsort immer weiter Richtung Arschgeweih. Tja das macht natürlich auch was mit so Zuhause-Bleibern wie mir. Schnell wieder Essen gehen, sofort im Fitness-Studio anmelden, dringend ins Kino rennen – egal was da auch kommt! Zu Hause einschließen und Drosten-Podcast hören, Netflix verstopfen, Buch lesen war Welle. Nun ist zumindest irgendwo dazwischen. Also „Party“ muss her. Dringend.
Nach einem Telefonat mit meinem Party-Buddy Nummer 1 (ähnliches Alter, auch Vater, coronamäßig auch eher unlocker) hatte ich, das Gefühl, dass ich momentan vielleicht doch etwas überreagiere. „Maximal Biergarten!“ lautete so in etwa die Antwort auf mein Partygesuch.
Okay, immerhin besser als Telefonkonferenz nach der Tagesschau und dabei verwegen an einem Rotwein zu Nippen.

 

Zur After-Lockdown-Party-Location wurde der Biergarten am Lister Turm erkoren. Auf nächtliches Bahnfahren wollten wir beide noch verzichten und die List liegt ziemlich mittig.

Ich war richtig aufgeregt, als ich mich an dem Abend viel zu früh auf mein Rad schwang. Haare schön, frisch geduscht, adrett gekleidet, schließlich fährt man in die List. Aus irgendeiner Vorahnung heraus hatte ich noch eine Decke und Mückenspray eingepackt. Man kann ja nie wissen. Kurz hatte ich noch an Klopapier, ein Paket Nudeln und Trockenhefe gedacht. Weiß auch nicht warum.

Ich kam ca. 15 Min. vor dem Treffen am Biergarten an. Aus sicherer Distanz vom nah gelegenen Spielplatz (als Vater fühle ich mich hier immer etwas zu Hause) und Blick auf den Biergarten ließ ich das bunte Treiben dort etwas auf mich wirken. Las das Schild mit den Corona-Bestimmungen, beobachtete die Warteschlangen, sah die Munschis, begutachtete die Arschgeweihe, ließ das Gesamtbild auf mich wirken und griff zum Handy: „Wir müssen uns woanders Treffen!“

Kurze Zeit später saß ich mit meinem Kumpel auf einer düsteren Parkbank in der Eilenriede. Der Mülleimer neben uns verströmte einen eigenartig süßlichen Geruch. Gut, dass ich das Mückenspray dabeihatte. So stanken wir 1. noch fieser als der Mülleimer, so dass der gar nicht weiter auffiel, und 2. ließen die ca. tausend Blutsauger dann so langsam von uns ab. Wenigstens war das Bier kalt. Mein Kumpel hatte was zum „Vorglühen“ mitgenommen. Fehlten nur noch ein paar trockene Nudeln zum Draufrumkauen. Warum hatte ich die bloß nicht eingepackt?

Nach düsteren Sinnierungen über die allgemeine Corona-Lage und die ganzen Lebensmüden auf diesem Lasterort von einem Biergarten wurde uns so langsam klar, dass die dunkle Bank zumindest an diesem Abend keineswegs mehr unseren Mindestanforderungen für eine geeignete Party-Location gerecht werden würde. Wenngleich wir uns beide einig waren, dass wir schon an viel schlimmeren Orten gefeiert hätten.

Nun war Kreativität und Flexibilität gefragt. Und Ortskenntnis. Ich konnte mit Insiderwissen glänzen. Aus meiner früheren Zeit als Listbewohner kam mir irgendwie der dortige Yachthafen am Lister Bad in den Sinn. Schon zu Nicht-Corona-Zeiten hatte der für mich so etwas … mediterranes. Mit der breiten Fußgängerbrücke über den Kanal, den schaukelnden Yachten der Reichen und Schönen, die untergehende Sonne… Das Monaco der armen Leute, die Copa Cabana Hannovers. Genau das Richtige für zwei Partyhungrige Ü40er.

Wir fanden ein richtig schönes Plätzchen am Rande des Kanals. Die mitgebrachte Decke ließ uns für kurze Zeit die zigtausenden Zigarettenkippen vergessen, auf denen ich sie ausgebreitet hatte. Anstatt des ungesunden Biergartenfraßes voller Tönnies-Fleisch bestellten wir Pizza. Okay, nichts verrücktes und so. Wären wir besser vorbereitet gewesen hätten wir natürlich Käsespieße und Nudelsalat ausgepackt. Bio-Mettigel lässt sich ja auch so schlecht transportieren… So wurde es einmal Sardellen, einmal vegetarisch. Nachdem der freundliche Lieferdienst scheinbar endlich verstanden hatte, wohin er liefern sollte konnten wir endlich zu den wirklich wichtigen Männerthemen übergehen, für die solche Partyabende gemacht sind: Frauen und Fußball. Doch bevor ich auch nur Werder Bremen sagen konnte klingelte mein Handy. Mein Sohn, vermisste mich so sehr vor dem Schlafengehen, dass er mich unbedingt noch einmal sprechen wollte. So süß! Mit dem Wissen, dass er baden war und seine Haare nun endlich wieder „herrlich“ duften legte ich auf. Es klingelte wieder. Der Pizzabote stand irgendwo, nur nicht da wo wir versuchten „Party“ zu machen. Ich suchte das ganze Areal weitläufig nach diesem Boten ab und kam nach einer gefühlten Stunde mit zwei kalten Pizzen und warmen Bier wieder. Mein Kumpel war bereits weggenickt.

Ich weckte ihn mit meinem Handy, dass nun zum Spaß so Malle-taugliche Klänge von sich quäkte. Party-Time! Aber erst mal musste die kalte, matschige Pizza gegessen werden. Ich wollte gerade damit anfangen, als mein Kumpel plötzlich schrie und mit dem Finger auf etwas ca. 50cm vor meinen nackigen Füßen zeigte. Dort saß eine ernsthaft riesige Ratte, die sich anscheinend mehr für die Pizza in meiner Hand interessierte als ich. Ich sprang panisch auf und rief so etwas wie „Ist hier ein Atomkraftwerk in der Nähe?“. Okay, Scherz, das dachte ich nur. Stattdessen rief ich etwas äußerst Fantasievolles, wie: „Verdammtes … Mistvieeech, verpiss dich!“ Dabei muss mir wohl etwas Pizzakäse aus dem Mundwinkel gerutscht sein, denn anstatt, dass sich die Ratte von meinem Gekreische und Getrampel verscheuchen ließ, kam sie schnuppernd näher und schnappte sich besagten Essensrest. Wer weiß, hätte dieser da nicht gelegen, vielleicht hätte sie sich dann gleich über meinen etwa 10cm davon entfernten großen Zeh hergemacht. Last Night a Pizzakäse saved my Life …

Bildzeitungstitel: Ü40 Strandparty-Tourist von Ratten zerfressen aufgefunden!

Wir zogen also mitsamt Pizza-Geraffel um, auf die nah gelegene Fußgängerbrücke. Das hatte sowieso viel mehr Stil, als unten so ein Familienpicknick abzuhalten. Schließlich wollten wir ernsthaft feiern!

Wir waren nicht die einzigen dort oben. Es hatten sich hier bereits einige illustre Party-Gestalten zusammengefunden. Z.B. dieses mindestens Ü60 Pärchen, dass sich eine Flasche Flensburger nach der nächsten aus einem Plastikbecher teilte. Aber beide hatten eine eigene Packung Chips, auf die ich etwas neidisch schaute. Oder diese beiden sehr haarigen Gestalten nicht näher definierbaren Alters, die auf irgendeine sonderbare Art und Weise mit ihrem daneben liegenden Hund, nicht näher definierbarer Rasse verbunden waren. Und ich meine wirklich verbunden. Man konnte einfach nicht erkennen, wo die Haare der „Menschen“ aufhörten und die des „Hundes“(?) anfingen. Irgendwie hatte ich den Eindruck man könnte die Pappe, auf der die drei (?) saßen einfach anheben und pusten – und dieses einzige Haarknäuel würde im Winde verwehen, sich über den Kanal verteilen und nichts würde mehr auf der dreckigen Pappe zurückbleiben.

Irgendwie passten wir beide gut zu diesem Völkchen auf der Brücke. Trotzdem waren wir froh als am anderen Ufer, Richtung Lister Bad eine Bank frei wurde, auf die wir schon den ganzen Abend spekuliert hatten. Wir wechselten also zum letzten Mal die Party-Location. Es wurde ja schließlich auch langsam richtig dunkel und wir mussten beide am nächsten Tag wieder früh in den Familieneinsatz.

Auf der Endstation unseres Party-Hoppings gab es wenigstens Musik. Ich meine so richtige Musik, nicht nur so ein quäkendes Geplärre aus dem Handy-Lautsprecher. Aber irgendwie hatte ich die ganze Zeit Angst, dass die beiden Osteuropäer von der Bank neben uns aufspringen würden, um uns zum gemeinsamen Tanz zu ihrer extrem leistungsstarken Boombox aufzufordern. Russen-Techno war zugegebenermaßen auch nie so mein Ding.

Nun gut, wir kamen ein Glück ungetanzt aus der ganzen Sache raus und konnten mehr oder weniger in Ruhe unser letztes lauwarmes Bier zu Ende trinken.

Als ich gegen familienfreundliche 23 Uhr zurück zu Hause war, schickte ich meinem Kumpel noch eine Nachricht. „War ein geiler Abend, sollten wir bald wiederholen! Aber das nächste Mal bleiben wir auf dieser super Parkbank in der Eilenriede und machen ein paar Käsespieße vorher klar!“